Was ist Framing? Artikel Nr. 19 zur eigenen Urteilsbildung

von | Jun 4, 2019 | Eigenständige Urteilsbildung | 0 Kommentare

Wer das Prinzip von Framing versteht, kann sich leichter gegen Manipulation schützen.

 

 

Begriffe bilden einen Rahmen, in dem wir denken.
Der Rahmen (Frame) gibt vor, worauf wir unseren Blick lenken sollen.

 

Wer heute eine eigenständige Urteilsfähigkeit entwickeln möchte, besonders gegenüber den Einflüssen aus den Medien, für den dürfte das Prinzip Framing ein spannendes Thema sein. Der Artikel erklärt und vermittelt wesentliche Grundlagen von Framing, zeigt anhand konkreter Beispiele auf, was Framing bedeutet, schildert ein spannendes wissenschaftliches Framing-Experiment und gibt Anregungen, wie man sich gegen Manipulationen schützen kann.  

Framing – einige Grundlagen

Der Begriff Framing kommt vom englischen Verb to frame und bedeutet Einrahmen oder Einbetten. Den Begriff Frame kann man mit Rahmen übersetzen. Framing bedeutet allgemein, einer Information oder einem Thema einen bestimmten Rahmen zu geben, einen Blickwinkel, von dem aus das Thema dargestellt wird.

 

Der Frame „Flüchtlingswelle“

Der Begriff Welle löst Bilder aus, die an eine Naturgewalt, an eine Überschwemmung erinnern.  Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass uns eine Welle umreißen kann. Der Begriff Flüchtlingswelle kann deshalb leicht zu Gefühlen von Angst oder Bedrohung führen.

 

Kognitive Simulation
– ein spannendes Phänomen, das hilft, die Wirkung von Framing zu verstehen.

Um zu verstehen, wie Framing auf den Menschen wirkt, ist es hilfreich, einen Blick darauf zu werfen, wie wir Wörter oder Sprache verarbeiten. Kognitive Simulation nennt man in der Kognitionswissenschaft einen Prozess im menschlichen Gehirn, der beständig bei der Verarbeitung von Wörtern stattfindet, wenn wir uns unterhalten oder einen Spruch auf einer Plakatwand lesen. Immer wenn unser Gehirn Worte hört oder liest, dann aktiviert es dazu Erinnerungen aus unserem vorausgegangenen Wissen und unseren Erfahrungen mit der Welt, das hier als Weltwissen bezeichnet wird. Hören wir zum Beispiel das Wort Sommer, so aktiviert das Gehirn unsere abgespeicherten Erfahrungen mit dem Wort Sommer, um den gehörten Begriff verständlich zu machen. Unser Gehirn erinnert sich oder ahmt bisherige Erfahrungen gedanklich nach: die angenehm warme Luft, Eisessen, das Gefühl leichter Kleidung auf der Haut usw. Der Begriff Sommer wird aus unserem gespeicherten Weltwissen nachgeahmt. Dies ist kognitive Simulation, also ein gedankliches „Nachahmen“ um Begriffe zu verstehen.  

Dieses Aktivieren im Gehirn unseres in der Vergangenheit gebildeten Weltwissens umfasst eine ganze Reihe unterschiedlicher Dimensionen, wie das Wort „Oktoberfest“ zeigt. Nicht nur Bilder, auch Erfahrungen, Geräusche, Geschmack, Gerüche oder taktile Erfahrungen werden aktiviert:

 

 

Ein wissenschaftliches Experiment, das zeigt, wie Framing wirkt

Ein Beispiel aus dem Buch „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling zeigt an einem spannenden wissenschaftlichen Experiment, wie sich das Anwenden unterschiedlicher Deutungsrahmen (Frames) auf die politische Meinungsbildung auswirkt. Sie berichtet über eine eindrucksvolle Studie aus dem Jahr 2011 – in Verbindung mit einem Experiment.  

 

Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling erstellte für die ARD ein „Framing-Manual.“
Sie beschreibt darin,  wie man durch Framing „den tatsächlichen Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Demokratie schon auf den ersten Blick besser erkennbar macht.“ Sowohl die ARD als auch Elisabeth Wehling gerieten dafür in die öffentliche Kritik.

 

Zum Experiment
Bei einem Experiment wurden zwei Gruppen gebildet. Beide Gruppen lasen zuerst einen Zeitungstext und nahmen dann an einer Meinungsumfrage zum Thema Kriminalitätsbekämpfung teil.

Der Zeitungstext der Gruppe 1 benutzte den Frame, Kriminalität sei ein Virus:
„Der Kriminalitätsvirus infiziert zunehmend die Stadt Addison. Die Kriminalitätsrate der einst friedvollen Stadt ist über die letzten drei Jahre stetig angestiegen. Heute befällt Kriminalität alle Wohngegenden. Im Jahre 2004 wurden noch 46.177 Verbrechen gemeldet, im Jahre 2007 waren es bereits 55.000. Der Anstieg von Gewaltverbrechen ist besonders beunruhigend. Im Jahre 2004 gab es 330 Morde in der Stadt, und im Jahre 2007 waren es über 500.“

Der Zeitungstext der Gruppe 2 benutzte den Frame, Kriminalität sei wie ein Raubtier:
„Das Kriminalitätsraubtier jagt zunehmend in der Stadt Addison. Die Kriminalitätsrate der einst friedvollen Stadt ist über die letzten drei Jahre stetig angestiegen. Heute lauert Kriminalität in allen Wohngegenden. Im Jahre 2004 wurden noch 46.177 Verbrechen gemeldet, im Jahre 2007 waren es bereits 55.000. Der Anstieg von Gewaltverbrechen ist besonders beunruhigend. Im Jahre 2004 gab es 330 Morde in der Stadt, und im Jahre 2007 waren es über 500.“

 

Die anschließende Meinungsumfrage zeigte ein eindeutiges Ergebnis:

„Jene, denen Kriminalität als Virus begreifbar gemacht worden war, setzten sich etwa für bessere Bildung und Abbau von Armut ein. Sie wollten das gesellschaftliche System stärken, es widerstandskräftiger gegen den ‚Virus Kriminalität‘ machen. Jene hingegen, denen Kriminalität als Raubtier begreifbar gemacht worden war, gaben an, mit mehr Polizeikraft gegen Kriminelle vorgehen, sie einfangen und zu langen Gefängnisstrafen verurteilen zu wollen. Sie wollten die Gesellschaft schützen, indem man die ‚Raubtiere‘ wegsperrt.“

Was zeigt die Studie?

Ich finde, die Studie zeigt eindrucksvoll, wie sich unterschiedliches sprachliches Framing auf die Meinungsbildung auswirkt. Obwohl nur drei von 60 Worten anders waren, änderte sich die Meinungsbildung entscheidend.


Die Meinungsbildung fand statt, ohne dass sich die Probanden der Studie der realen Wirkung des Framing bewusst waren.
Als die Probanden gefragt wurden, wodurch sie zur ihrer Meinung zur Kriminalitätsbekämpfung gekommen waren, verwiesen alle auf die genannten Statistiken. Keine einzige Person verwies auf das enthaltene Bild (Frame) von Kriminalität als Virus oder Raubtier.

Die Schlussfolgerung, die Elisabeth Wehling in ihrem Buch zieht, wirkt auch durch dieses Experiment schlüssig:  „Und so ist auch politisches Denken und Entscheiden – wie könnte es auch anders sein – vorwiegend unbewusst. Wir entscheiden uns aufgrund von Frames und nicht aufgrund von Fakten und Zahlen – doch wir merken es nicht!“

 

Wie die Einrahmung eines Themas sich auf unsere Urteilsbildung auswirkt

Gesellschaftliche oder politische Themen können nicht in einer umfassenden Gesamtheit, sondern nur aus einem bestimmten Blickwinkel dargestellt werden. „Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen.“

Ich finde es extrem hilfreich, sich dies bewusst zu machen! Egal welches Thema in den Medien behandelt wird – der Brexit, der 70. Geburtstag der NATO oder die aktuellen Spannungen mit dem Iran – immer ist es ein bestimmter Blickwinkel oder Rahmen, durch den die Gedanken bei einem Thema in eine Richtung gelenkt werden.

 

Deutschlandfunk Kultur:
Robert Habeck als Schriftsteller „Progressiv und kühn“

 

Dieser positive Frame in Verbindung mit dem Foto weckt Assoziationen eines reflektierten und mutigen Denkers, dem man philosophische Qualitäten zuschreibt.

 

Spiegel Online:

„Putin als Macho, Macho im Sommerurlaub“

 

Der negative Frame weckt Assoziationen, stelle gerne seine Männlichkeit dar. Er sei vielleicht selbstverliebt, ein inszenierter Naturbursche. Durch die Sonnenbrille wirkt er eher unnahbar. Die Überschrift und das Bild aktivieren negative Emotionen.

 

 

Tagesspiegel: „Maduro – die sozialistische Planierraupe von Venezuela“

 

Der negative Frame „sozialistische Planierraupe“ weckt Assoziationen an jemanden, der alles rücksichtslos niederwalzt, der sich in seine sozialistische Ideologie verrannt hat. Das Bild verstärkt den gesetzten Rahmen.

 

Die Beispiele zeigen, dass jedes Thema mit einem Frame ganz leicht positiv oder negativ erscheinen kann – und zwar unabhängig von der realen Faktenlage, die tatsächlich besteht. Damit rückt die Motivation des Journalisten bzw. die politische Orientierung eines Mediums in den Mittelpunkt, auf Grund dessen ein bestimmter Frame gewählt wird.

 

Manipulation durch Framing – zwei wesentliche Aspekte

1. Meinungsfreiheit wird auf die erlaubten Frames begrenzt

Innerhalb einer Gesellschaft mit meinungsbildenden Medien gibt es zu bestimmten Themen Frames, die gewünscht und erlaubt sind, jedoch auch solche, die unerwünscht sind und deshalb nicht in deutschen Leitmedien erscheinen. Frames können in Artikeln auch indirekt enthalten sein, mehr zwischen den Zeilen. Sie müssen nicht ausdrücklich mit Worten so benannt sein.

 

Interessant ist Folgendes: Wenn man einen Frame oder einen Deutungsrahmen anerkennt und innerhalb dieses erlaubten Frames argumentiert – so ist das kein Problem.

 

Ein Beispiel: Wenn jemand in einer führenden deutschen Tageszeitung oder in ARD/ZDF der Deutung zustimmt, die NATO garantiere unsere Sicherheit und wir würden auch in Zukunft die NATO benötigen, so kann ruhig Kritik geübt werden, z. B., dass die Etaterhöhungen weniger stark ausfallen sollten oder dass man den Dialog mit Russland fördern sollte. Würde ein Journalist jedoch einen Artikel bringen, in dem er den Frame ausdrückt, die NATO betreibe eine aggressive Politik gegenüber Russland und sie sei wegen einer verkehrten Politik des neuen kalten Krieges überholt und sollte deshalb aufgelöst werden, so würde sich dieser Journalist wohl im Bereich eines unerlaubten Frames bewegen. Deshalb findet man nach meinen Beobachtungen eine solche Sichtweise nicht in den etablierten Leitmedien.


Die möglichen und nicht möglichen Frames sind die ungeschriebenen Gesetze, die festlegen, wie weit über ein Thema nachgedacht werden soll und welche Lösungen zugelassen werden.

 

 

Ein Vorschlag von Oskar Lafontaine, unterlegt mit einem Bild zum Thema „NATO auflösen“ dürfte keine Chance haben, in deutschen Leitmedien zu erscheinen. Der Frame einer möglichen NATO-Auflösung sprengt den Rahmen des Erlaubten.

 

Die ständige Wiederholung der gleichen Frames erhöht die Glaubwürdigkeit

 

Ein zweiter Aspekt, der Framing zu einer wirkungsvollen Manipulationsmethode macht, ist die permanente Wiederholung. In der Kognitionspsychologie ist dieser Zusammenhang bekannt.

 


 

Rainer Mausfeld sagt auf die Frage „Was bewirkt die Wiederholung einer Botschaft?“ Folgendes:

Sie bewirkt, dass der „gefühlte Wahrheitswert“ einer Botschaft steigt. Psychologische Experimente haben gezeigt, dass dies selbst dann funktioniert, wenn wir zuvor über diesen Effekt aufgeklärt werden. Je öfter eine Botschaft wiederholt wird, desto eher wird sie als wahr eingeschätzt – völlig unabhängig davon, wie wahr sie tatsächlich ist.

 


Hier einige dieser Wiederholungen zum Thema der angeblichen Einmischung Russlands in US-Wahlen, vor allem 2016. In der Sache waren es nichts als Fake-News.

Welt vom 17.07.2018
US-Präsident Donald Trump hat eingeräumt, dass Russland sich in die US-Wahl 2016 eingemischt hat

SZ vom 9.10.2017
Google untersucht russische Einflussnahme auf US-Wahlkampf

Bild vom 6.11.2018
Putin sabotiert auch diese US-Wahl

ZDF vom 17.12.
Einflussnahme auf US-Wähler – US-Studien: Eifrige russische Trollfabrik

Tagesspiegel vom 18.12.2018
Russische Kampagnen sollten Afroamerikaner von Wahl abhalten

Fazit

Framing ist heute in allen Medien ein zentrales Konzept, um auf die Meinungsbildung Einfluss zu nehmen. Um unabhängiger von Manipulationen durch Frames zu werden, ist es hilfreich, sich beim Lesen eines Artikels bewusst zu fragen, welchen Deutungsrahmen ein Journalist setzt und ob es tatsächlich reale Fakten gibt, die diese Deutung rechtfertigen.

 

 

 

 

 

 

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